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Ebbe und Flut

Gefühlswellen schlagen gegen die Hafenwand meines Körpers. Ich versuche still zu bleiben. Lasse das Meer seine Melodie pfeifen und ziehe mich zurück. Tritt man einen Schritt beiseite wirkt alles so klein und besonders. Blinzele in die untergehende Sonne, während das Grau des Wassers langsam die Farbe wechselt. In meinen Träumen stehst du neben mir. Hältst meine Hand und wir blicken in Richtung Horizont. Du summst leise unser Lieblingslied, während das Wasser am Fundament kratzt. Doch wir sind immer noch hier. Sind da, um uns zu lieben. Uns zu fühlen. Alles andere bringen die Gezeiten. Alles andere nimmt die Zeit. 

Ich bin der, ...

Ich bin der, der irgendwann die Bar betritt. Dick eingepackt mit den Händen in den Hosentaschen. Blicke neugierig in den Raum und setze mich lautlos in eine Ecke. Den Raum unter Kontrolle, während meine Gedanken rebellieren. Die Luft erstickt an sich selbst. Wände drücken Menschen zusammen, während der Bass ihre Körper unkontrolliert zucken lässt. Ich bin ganz still. Will mich nicht bewegen. Höre in mich und lege meinen Kopf auf meine Hände.

Ich bin der, der mit seinem Blick ins Stolpern kommt. Sehe ein kurzes Grinsen und schaue hektisch wieder in eine andere Richtung. Kribbeln. Mein Herz überholt den Takt der Musik. Bleibt kurz stehen und schreit zu meinem Kopf. Der versteht und ignoriert. Langsam und heimlich wie beim Spicken in der Schule, drehe ich meinen Kopf in deine Richtung. Meine Träume spiegeln sich in deinen langen Haaren. Rutschen herab und verschmelzen mit deinen Mundwinkeln. Du betrittst die Tanzfläche. Ich bleibe sitzen.

Ich bin der, der dir auf den Hintern schielen sollte. Wäre ich so, wie der halbe Raum. Doch stattdessen starre ich in mein halb-volles Glas. Breite Blubber-Blasen bauen Bekundungen. Voller Gefühl und Sehnsucht, bevor sie am Rande des Glases zerbersten. Der Alkohol in meinen Adern. Fühle mich müde und würde mich am liebsten unter der Mütze meines Pullovers verstecken. Lege mir aber stattdessen super-coole Sprüche bereit. Damit ich dich ansprechen kann. Völlig souverän und selbstbewusst. Doch mir fehlt die Ablage. Und die anderen Eigenschaften, die ich gerade erwähnte. Muss lachen. Über mich. 

Ich bin der, der bitte im Kinderparadies abgeholt werden möchte. Ein kleines Kind in einem viel zu großen Körper. Würde gerne zu dir gehen. Hallo sagen. Dich breit anlachen und deine Hand nehmen. Dich nach draußen führen. Mich mit dir auf den Straßenrand setzen. Zuhören. Wippen. Kichern. Doch ich trau mich nicht. Hab zu sehr Angst vor den bösen Jungs, die mit ihren Baseball-Caps neben dir stehen. Von ihrem großen Baumhaus erzählen und lässig ihr Bier kippen. Da kann ich mit meiner Capri Sonne nicht mithalten. Packe die Sonne ein und lass Capri unter den Tisch fallen.

Ich bin der, der wieder alleine nach Hause geht. Aber auch der, der eines Tages beim Verlassen der Bar in deine offenen Arme läuft. Und darauf warte ich gerne. ♥

Schwarzweißporträt von Andreas mit dunklem Haar, der nachdenklich in die Kamera blickt und seine Hand an sein Gesicht hält.