Blog / Framente

Produktmanagement 🤝 Systemisch-psychologische Beratung

Wir reden ständig. Erzählen von unseren Erfahrungen. Teilen ungefragt unsere Meinung und geben Tipps, wie alles besser sein könnte. Bleiben an der Oberfläche. Weil es einfacher ist. Ursache und Wirkung. Problem und Lösung.

In dieser zweiteiligen Serie schreibe ich über meine Veränderung. Über das Verstehen von Mustern und Anpassen der eigenen Haltung. Psychoanalyse brachte mir Zugewandtheit und Ruhe. Empfinde mich als interessierter. Möchte aber noch besser verstehen, was in Menschen und Teams passiert. Unbewusste Muster und Übertragungen aufdecken. Einen Perspektivwechsel anstoßen, der nicht direkt Lösungen in den Vordergrund stellt. Verständnis statt Handlungszwang.

Muss verstehen, wie sich Situationen begleiten lassen. Bessere Fragen stellen. Den Raum halten. Durchatmen – was in der schnelllebigen Produktentwicklung selten passiert. Dort werden Prozesse optimiert, Ideen skaliert. Beziehungen lassen sich aber nicht beliebig skalieren. Wir sind Teil komplexer Systeme. Regeln verbinden uns miteinander. Grenzen schaffen Hierarchien. Erwartungen prägen Verhalten.

Systemisch-psychologisches Coaching hilft als Form gleichberechtigter Zusammenarbeit. Es erweitert Perspektiven. Macht Umstände greifbarer. Akzeptiert jede Persönlichkeit als einzigartig.

Coaching? Puh.

Der Begriff Coaching schreckte mich ab. LinkedIn wird dazu beigetragen haben. Postkartensprüche und ein fehlender Standard. Meine Therapie hat mir gelehrt, dass Veränderung Zeit braucht. Und ein Studium der Psychologie. Und tausende Stunden an Praxis. Bis Freunde von ihrem Coach erzählten. Ich war skeptisch. Und doch neugierig.

Mit den Wochen veränderte sich ihr Umgang miteinander. Zugewandter. Rücksichtsvoller. Sie schwärmten von den Terminen. Waren interessierter. Aneinander. An mir. Irgendwann begannen sie eine Ausbildung. Blieben in ihren alten Jobs. Wurden keine Business Coaches. Keine Masterclass und auch kein Retreat.

Ich wollte das auch. Wollte verstehen, wie Beziehungen funktionieren. Welche Werkzeuge Systeme besprechbar machen. Also begann ich eine Ausbildung am Hamburger Institut für systemische Lösungen.

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Produktmanagement 🤝 Psychoanalyse

Ich kann nicht mehr. Das wird mir alles zu viel. Keine Ahnung, wie wir damit umgehen sollen. In fast jedem Gespräch spüre ich momentan eine Form der Unzufriedenheit. Der Erschöpfung. Vom Optimieren, Reagieren und Präsentieren.

In dieser zweiteiligen Serie werde ich darüber schreiben, was mir in den letzten Jahren geholfen hat, Stimmigkeit zu finden und so meine Arbeit als Produktmensch zu verbessern: Psychoanalyse und systemisch-psychologische Beratung. Habe mich so viel mit Menschen und ihren Mustern beschäftigt. Habe verstanden, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Kann ruhiger mit der hohen Geschwindigkeit umgehen und Menschen auf Augenhöhe begegnen. Kann Bedürfnisse zugewandter begreifen. Bin interessierter. Und auch ein ganzes Stückchen zufriedener.

Meine These: Wir müssen uns mehr mit Menschen beschäftigen. Wir sollten verstehen, was in uns passiert. Und wie wir in den Systemen um uns herum agieren. Denn am Ende entwickeln Menschen Produkte für Menschen.

Ein System unter Druck.

Spreche ich mit Menschen, spüre ich eine enorme Überforderung und mentale Belastung. Irgendwie verständlich. Die Komplexität, die Geschwindigkeit und die Unsicherheit in unserer Arbeit und unserem Umfeld wachsen. Kaum haben wir uns an eine Krise gewöhnt, kommt die nächste. Dazu eine Flut an Informationen, ständige Erreichbarkeit, immer neue Tools und Methoden. Das „System Mensch“ scheint überlastet. Emotional unter Druck. Können nicht mehr. Wollen nicht mehr. Organisationen spüren das direkt. Berichten von Unruhen. Dem ständigen Druck, sich zu verändern und abzuliefern.

Was passiert? Eine fast zwanghafte Fokussierung auf schnelle Lösungen und heilsame Frameworks. Auf jede Unsicherheit antworten wir mit einem neuen Prozess, einem neuen Tool, einem neuen „Quick Win“. Wir springen direkt in die Handlung. Optimieren und automatisieren. KI liefert uns jetzt noch schneller Anstöße und scheinbare Lösungen. Und dieses Tempo verschärft eine Oberflächlichkeit.

Spüre immer häufiger Identitäts- und Sinnfragen bei Einzelpersonen. Wer bin ich eigentlich in diesem System? Wie reagiere ich auf die Erwartungen meines Umfelds. Und wie auf die Veränderungen in der Gesellschaft? Eine ständige Sinnsuche. Innere Zerrissenheit und Unsicherheit nehmen zu. Hab das Gefühl, wir verlernen uns selbst und einander zuzuhören. Stimmen zu laut. Lärm zu groß.

Sind Menschen unter Druck, dann sind es auch die Organisationen, in denen sie arbeiten. Dabei müssen diese immer mehr schaffen. Teams sind crossfunktional über Landesgrenzen hinweg aufgestellt. Design, Entwicklung, Produkt: jede dieser Professionen hat ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigene Kultur. Wir arbeiten für das System, indem wir uns in internen Machtkämpfen verlieren oder Metriken optimieren, die nur intern relevant sind. Statt die (unbewussten) Bedürfnisse unserer Kund:innen zu adressieren. Wir reagieren übereilt. Der schnelle Wechsel von Krise zu Krise, von Tool zu Tool, gefährdet Gemeinschaft, Sinn und am Ende auch die Qualität unserer Arbeit. Wir rennen und rennen und rennen.

Dieser Sprint zehrt an den Kräften. Diese Menge an Themen überfordert. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Hatte selbst ein intensives Kapitel, das mich nicht schlafen ließ. Bin immer wieder mit Menschen aneinandergeraten. Ich war unzufrieden mit mir und meinen Ergebnissen. Antriebslos. Genervt. Leer.

Hab mich ständig gefragt, wie ich dieses Problem loswerde. Hab Bücher gelesen, Selbsthilfe-Artikel verschlungen, Tagebuch geschrieben und Strukturen in meinem Alltag angepasst. Hab mich im Kreis gedreht und unfassbar viel Energie verbrannt.

Dann ging nicht mehr viel. Ich brauchte Hilfe. Wollte verstehen, woher dieses Gefühl der Überforderung kam und wie es wieder weggeht. Und so begann ich eine Analytische Psychotherapie. Also ab auf die Couch. 

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Fragmente 🫣 Immer & Nie

Das haben wir schon immer so gemacht. Nie hörst du mir zu. Immer muss man dich daran erinnern. Nie glaubt man uns. Scheinbare Eindeutigkeit und gefühlte Gemeinschaft. Wir suchen Muster. Brauchen Strukturen. Wo Unsicherheiten warten, geben diese zwei Worte Kontrolle. Schubladen zum Einsortieren. Schwarz und weiß. Links und rechts. Für immer und für nie.

Wäre schön, wenn es so klar wäre. Ist es aber nicht. Viel mehr bewegen wir uns dazwischen. Wechseln zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Verstehen und Missverstehen. Zwischen Liebe und Wut – manchmal sogar gleichzeitig. Merke, wie gefährlich diese Verallgemeinerungen sind. Sie nehmen uns die Neugier auf Menschen und ihre Bedürfnisse. Sie rauben uns den Mut zur Veränderung. Verhindern Abweichung und Überraschung. Sei es in der Produktentwicklung, bei ersten Begegnungen oder in langjährigen Beziehungen.

Muss mich regelmäßig darauf hinweisen, wenn ich aus einer einzelnen Beobachtung eine Identität erschaffe. Steckt doch oft viel mehr hinter einem Verhalten. Ein ständiges Pendeln. Wo gestern Gewohnheit der Auslöser war, ist es heute vielleicht Skepsis. Versuche mit Fragen einen Raum zu schaffen. Lasse mir Handlungen erklären. Und gibt es keine eindeutige Antwort, ist das meist der Beginn für Annäherung. Kreativität durch Ausprobieren. Weniger Schutzschild und mehr Risiko. Will das Gegenüber verstehen. Sei es eine Freundin, ein Kunde, eine Kollegin.

Auch ich wünsche mir Sicherheit. Eine Vorhersehbarkeit. Akzeptiere ich aber Zwischentöne und ein Vielleicht, dann ist da mehr. Mehr Nähe. Mehr Graustufen. Mehr Ausnahmen. Und weniger Einsamkeit in gefühlter Gemeinschaft. Haben wir schließlich immer so gemacht. Dann können wir es auch mal anders machen.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Die Füße tief im Sand vergraben. Sonne im Gesicht. Hunde suchen Schatten. Wir suchen Steine. Ein paar Tage durchatmen. Auszeit in Dänemark. Pommes und Kuchen. Geschmolzenes Eis auf den Fingern. Stolpern über Äste und bleiben einfach liegen. Da ist ganz viel Neuanfang zwischen ganz viel Vergangenheit. Und da ist ganz viel Vorfreude.
  • Wieder auf der re:publica. Mag die neugefundene Tradition. Und die vielen bekannten Gesichter. Wieder zu viel verpasst, aber werde besser es zu akzeptieren. Das Motto Generation XYZ. Wie wollen wir eigentlich zusammenleben, wenn alles immer komplexer und lauter wird? Wieder dieses Gefühl von Aufbruch und Dringlichkeit. Lernte Dinge über Aufmerksamkeit, Tech-Bros, Kampf um Gerechtigkeit und das Gehirn, Einsamkeit, Liberalismus, gesellschaftliche Kipppunkte und das AfD-Verbot. Fühlte mich teilweise wie auf einer Demo. Gestärkt und nicht alleine. Wieder ein schönes Gefühl.
  • Stehe bei strahlendem Sonnenschein im Garten von Freunden. Schaue auf das Ehepaar. Strahlen im Gesicht. Eine gewisse Form des Stolzes. Dankbarkeit für die andere Person. Und für Zufälle. Szenenwechsel. Stehe bei strahlendem Sonnenschein an der Elbe. Auf meinem Arm das Kind von Freunden. Völlig begeistert beobachtet es die Wellen. Kommen und Gehen. Ein Glucksen. Vertrauen. Beide Situationen wunderschön. Beide Situationen dennoch schwer. In Gedanken gehe ich die letzten Jahre durch. Begleite diese Menschen durch unterschiedlichste Phasen. Auch ich war woanders und bin es heute noch. Dankbar für die Möglichkeit, ein Teil zu sein. Aber manchmal auch traurig, kein Teil zu sein.
  • Quick-Wins. Optimierung an der Oberfläche. Doch Probleme in Organisationen liegen oft tiefer. In veralteten Strukturen, widersprüchlichen Stoßrichtungen und gewachsenen Altlasten. Systemisches Denken hilft, hinter die Symptome zu blicken, Ursachen zu entwirren und die Dynamik sichtbar zu machen. Tief eintauchen statt schnell ausbessern. Machtstrukturen verstehen und Muster erkennen. Tools wie Service Blueprinting und Systems Thinking machen sichtbar, wo angesetzt werden muss. Und sie machen erlebbar, dass System als lebendigen Organismus zu begreifen sind. Voller Reibung, Widersprüche und Möglichkeiten.
  • Alzheimer als Form des Exils. Und als Ort neuer Begegnung. Arno Geiger erzählt in „Der alte König in seinem Exil“ die zärtliche Annäherung an seinen erkrankten Vater. Erinnerungen, die verschwimmen. Verlust und Verwandlung. Er begleitet seinen Vater in die eigene Welt, statt ihn zurückholen zu wollen. Dabei entdeckt er Würde, Humor, Poesie und eine neue Form der Liebe. Ein leises Buch über das Loslassen, das Bleiben und Finden von Verbundenheit.
  • Oft heißt es, Menschen hätten klare Bedürfnisse, die man einfach erfragen kann. In Wirklichkeit sind diese situativ und entstehen aus Lebensumständen. Dan Shipper zeigt, dass Menschen selten eine Liste ihrer Wünsche parat haben. Erst durch einen kreativen Impuls, eine eigene Perspektive, werden verborgene Bedürfnisse sichtbar. Spürbar. Etwas, das künstliche Intelligenz nicht kann. Kreative Provokation und empathisches Experimentieren. Es geht nicht nur um das Sammeln objektiver Daten, sondern auch darum, ein Gespür für die Dynamik zwischen Mensch und Moment zu entwickeln: Product Sense.
  • Seit 2018 sitzen Menschen wie ich in einem Kiosk an der U-Bahn Emilienstraße. Wir hören zu. Das ZDF hat dabei zugeschaut. „Wer offen zuhört und mitfühlt, lernt sich selbst und seine Gefühle besser kennen. Wer andere versucht zu verstehen, versteht sich selber besser. Zuhören ändert das Leben, Zuhören ist ein Geben und Nehmen“, sagt Gründer Christoph Busch.
  • „Innovation ohne Umkehr ist nur Iteration.“ – Was, wenn Mut nicht in Geschwindigkeit und Anpassung, sondern in Stillstand und Verstehen liegt? Produktivität, Output und Machen scheint die einzige Währung zu sein. In einer Welt, die sich immer schneller dreht. Luke Burgis schildert eindrucksvoll, wie sich subjektives Zeitempfinden verändert hat: Alles ist schnell – und es macht krank. Selbst erzwungene Pausen wie der Lockdown führen nicht zu Entschleunigung, sondern verstärken das Gefühl, permanent getrieben zu sein
  • Als Komplize mag ich Genossenschaften. Sie sind ein Raum zum Mitgestalten, Lernen und Teilen. Deshalb bin ich investierendes Mitglied des Neuen Amt Altones (NAA), einer Mischung aus Co-Working und Nachbarschaftstreffpunkt. Mit Regine und Birga sprach ich im Podcast „Neu & Amtlich“ über Arbeit, Haltung und leise Töne. Bis Ende September könnt ihr noch Mitglied werden. Das kann sehr schön werden.

Was machst du immer? Was nie? Und stimmt das?
Schreib mir gerne. Auch einfach so. 👋