Blog / Framente

140 Zeichen. Zuwenig für mich.

I’ve realized—Twitter is outsourced schizophrenia. I have a couple hundred voices I have consensually  agreed to allow residence inside my brain. Adam Brault

Ich bin kein großer Fan von Twitter. Das hat verschiedene Gründe. Persönliche Gründe. Und auch dienstbedingte Gründe. Relativ früh habe ich damit begonnen zu twittern, um Bloggern privat zu folgen. Langweilige Abende zu überstehen. Der private Austausch stand im Vordergrund. Nebenbei informierte ich mich über technologische Entwicklungen. Gadgets. Oder Tagesgeschehen. Der Dienst wurde bekannter. Wurde überall integriert und mit der Zeit bildeten sich verschiedene Lager. Innerhalb dieser Lager gibt es - so empfinde ich das jedenfalls - einen hohen Konkurrenzkampf. Favstar, Statistikwerkzeuge und so weiter. Dinge, bei denen man aber nicht mitmachen muss.

Was ich mehr bedauere, ist dass der Dialog nur zwischen wenigen Personen geschieht. Überhaupt möglich ist. Nicht zu vergessen, dass Twitter auch kein Dienst ist, um zu diskutieren. Gespräche zwischen zwei Personen werden sehr schnell unübersichtlich. Die geforderte Knappheit der Zeichen und menschliche Verhaltensweisen führen dazu, dass andere Interessierte eiskalt ignoriert werden. Twitter-Elite und so. Ich will mich da überall nicht einmischen. Jeder hat seine Gründe, aber im Laufe der letzten Monate habe ich für mich selbst gemerkt, dass ich die besten Gespräche außerhalb von Twitter führe. 

Ein weiteres Problem ist der ständige Lärm. Die Timeline schläft nie. Hunderte Tweets rauschen an mir vorbei. Hunderte Stimmen schreien. Pöbeln. Sind witzig. Versuchen witzig zu sein. Wiederholen Themen. Bekriegen sich mit Hashtags. Eine Priorisierung von Inhalten ist nur schwer möglich. Ich könnte selektieren, dann verpasse ich aber Belangloses, das auch sein Reiz hatte. Und so verliert Twitter für mich persönlich an Relevanz und Nutzen.

Ich bevorzuge im Moment wieder vermehrt Blogs und Aggregatoren. Steuere Nachrichtenseiten und Online-Magazine an, um an Artikel zu kommen. Klicke mich durch Empfehlungen auf Quote.fm und versuche über Blogs und deren Blogrolls spannende Themen zu entdecken. Und das reicht mir. Wenn ich zu ortsbezogenen Themen oder aktuelle Informationen zu Geschehnissen brauche, dann nutze ich Twitter. Ansonsten bleibe ich bei Blogs und ihren Kommentaren. Oder eben Veranstaltungen. Mit der Möglichkeit, richtig zu diskutieren. Aber 140 Zeichen sind mir einfach zu wenig. Tut mir Leid.

Update: Chris Williams beschrieb auf der JSConf EU 2012, weshalb er sich komplett zurückgezogen hat. Sehenswert

Verlieben.

Sitze in der Bahn. Die Kaputze wärmt von außen. Die Musik von innen. Maeckes. Celina. Verliebt darin geliebt zu werden. Ich mag etwas über diese Phase schreiben. Verlieben. Der Moment, in dem sich langsam dein Mittelpunkt verschiebt. Nach draußen. Du selbst verlierst an Bedeutung. Verlierst dich in einer Person, die dir das schenkt, was du zuvor nicht kanntest. Blicke. Berührungen. Gedanken. Bei jedem anders. Unterschiedlich. Tauchst jede deiner Poren in lilabuntes Glück. 

Ich glaube, man verliebt sich nur ganz selten. Vielleicht zweimal im Leben. Alles andere sind Streiche, die dir dein Verstand spielt. Weil er wieder lieben möchte. Weil ihm etwas fehlt oder er ablenken möchte. Von sich selbst. Und irgendwann merkt man, dass dieses scheinbar große Gefühl zerbricht. Die Farben um einen herum wieder kräftiger werden. Man zu sich findet. Und weitergehen möchte. Alleine. Leben. Bis eines Tages alles anders kommt. Dein Herz stolpert. In die Arme einer anderen Person. Oder den wärmenden Schoß deiner Selbst. 

Ein paar Gedanken. Momente in Buchstabenform. Einweggedanken. Heute so. Morgen wieder ganz anders.

Nach so langer Zeit.

Sie trägt ihr schönstes Kleid. Knallgelb. An den Hüften lange Bändel aus Leder. Es strahlt. Sie strahlt. Ihre Haare nach oben gesteckt. Lose hängen ein paar Strähnen aus dem Knoten. Sie blickt in ihr Spiegelbild. Die Augen dunkel geschminkt. Irgendwie geheimnisvoll, wie das Schwarz die Konturen betont. Die Lippen knallrot. Wurden lange nicht mehr geküsst, doch formen dennoch ein zuversichtliches Grinsen. Neben ihrem Spiegel hängen alte Fotos. Von ihrer Familie. Ihren Freunden. Enge Umarmungen. Ein Rückblick auf fast 30 Jahre. Streift mit ihren Fingerspitzen über ein ganz bestimmtes Gesicht. Sein Gesicht. Sie wird ihn wiedersehen. Heute. Nach so langer Zeit. 

Die Balkontür steht offen und von draußen dringt Musik an ihr Ohr. Mit einem kleinen Sprung tritt sie hinaus. Beobachtet die Szenerie. Alte Bäume am Rande des Grundstückes. Das Lied. Sie kennt es nicht. Muss vom Nachbar kommen. Sie hat ihn noch nie getroffen. In ihrer Fantasie skizziert sie die Umrisse eines jungen Studenten während sie die Tür behutsam schließt. Es ist an der Zeit. Mit einer raschen Drehung ergreift sie den Schlüssel auf dem Tisch. Lässt ihn tief in ihrer kleinen Tasche verschwinden. Zieht die Haustür zu. Die Finger spüren das kalte Holz, bevor sie losgeht und das Treppenhaus hinunter hüpft. 

Sie kennt den Weg. Ist ihn schon so oft gelaufen. Kleine Pflastersteine. Große Lücken. Als junges Mädchen ist sie oft hingefallen. Kam mit blutigen Knien nach Hause. Heute kann sie nichts aufhalten. Mit aufrechtem Blick nähert sie sich der Bahnstation. In ihrem Kopf fordern Erinnerungen ihre Aufmerksamkeit. Kleine Schnipsel, die ihn und sie zeigen. Hand in Hand. Durch die Altstadt spazierend. Sie mussten nicht viel reden. Sich nur anschauen um zu wissen, dass alles gut ist. Alles gut wird. 

Am Kiosk werfen ihr zwei ältere Männer Blicke zu. Ihre Wangen werden noch röter. Herzklopfen. Im Schwarz der Unterführung fühlt sie sich unbeobachtet. Linst auf ihr Handy. Keine Anrufe. Keine Nachricht. Keiner denkt an sie. Sie denkt an ihn. An seine langen Haare. Den kindischen Blick und seine viel zu große Brille. Auf der Rolltreppe haben sie so oft geknutscht. Er nach unten gebeugt. Sie auf Zehenspitzen. 

Fünf Jahre ist das her. Nun trennt sie nur wenige Minuten. Der Bahnsteig menschenleer. Der Kopf randvoll. Tief durchatmen. Gänsehaut am Rücken. An ihren Armen. Ein schönes Gefühl. Wippend steht sie da, während ihr die Sonne ins Gesicht strahlt. Ein leises Hämmern auf den Gleisen. Wird lauter. Nach und nach. Ihre Augen fixieren die silbernen Wagons. Der Zugführer wird erkennbar. Weißer Rauschebart. Kurz muss sie an ihren Vater denken. Dann wieder er. Heute wird sie ihn wiedersehen. Nach so langer Zeit. Sie schließt die Augen. 

Und lässt sich fallen.

Now, this is my life. Not the apartment or the city or travel, but the laptop I’m typing on. We are alone together, again.

Alex Payne schreibt über das Internet. Wie es nach und nach Dinge in sein Leben gebracht hat. Und wie diese Dinge auch wieder verloren gingen. Mails werden archiviert. Profile aufgeräumt und Kontaktanfragen abgelehnt. Unzählbar viele Individuen, die unterschiedlichste Rollen ausprobieren. Ein großer Spielplatz, auf dem die Schaukel leise quietscht.