Blog / Framente

Also grübeln Sie nicht allzu ernsthaft über alles nach. Wir sind alle höchst unvollkommene Menschen (und damit meine ich alle - normalen und nicht ganz so normalen - Menschen), die in einer höchst unvollkommenen Welt leben. Naokos Lächeln

Naokos Lächeln von Haruki Murakami ist nur eine Liebesgeschichte. Und doch so viel mehr. Der Wunsch nach Erfüllung und Seelenverwandtschaft.  Toru Watanabe ist unauffällig. Durchschnitt. Er hat seinen besten Freund verloren und treibt seitdem durch Tokio. Erobert Frauen nur der Eroberung wegen. Ein paar Zärtlichkeiten im Austausch, um danach wieder in seinem grauen Alltag zu verschwinden. Er wirkt gelähmt, schafft es aber dennoch immer wieder, bei ganz bestimmten Mädchen ein Gefühl der Leidenschaft zu wecken. Dann verliebt sich. In die alte Liebe seines verstorbenen Freundes. Naoko. Ich mag Liebesgeschichten. Sehr sogar. Sie entführen mich in eine Traumwelt. In der irgendwann alles Sinn zu machen scheint. Nicht aber diese Geschichte. Sehr oft konfrontierte sie mich mit der Wirklichkeit. Mit Verzweiflung. Man kann Dinge nicht planen. Andere Menschen nicht steuern. Und auch die eigenen Gefühle nur schwer nachvollziehen. Toru Watanabe verliebt sich. Verliert sich. Und ich genoss jede Seite.

Es geht um Pornos, Leben & Tod.

Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen. Eine Kurzgeschichte, die erwachsen und nun von Fabian Neidhardt als Roman herausgegeben wurde. Gedruckt und als kostenfreie PDF-Version. Was ich alleine schon beeindruckend finde. Eine Creative Commons Lizenz erlaubt es jedem, den Text zu nutzen. Daraus ein Hörbuch zu basteln oder mit Textzeilen den Gehweg zu schmücken. Ich kenne Fabian von einer Reihe schöner Poetry Slams im Süden, wo auch die Geschichte spielt. 

Stuttgart. Will verdient sein Geld mit dem Schreiben. Er sollte, doch zu Beginn verdient er kein Geld. Sucht nach Auswegen und bekommt über Umwege die Chance, Pornogeschichten zu schreiben. Wilde Phantasien, die in Betten offen und U-Bahnen heimlich gelesen werden. Dass diese Aufgabe sein komplettes Leben auf den Kopf stellt, Beziehungen beeinflusst und gleichzeitig Neugierde bei anderen weckt, lässt viel Platz für ein Buch, das mich irgendwie an Californication erinnerte. 

Schnell wurde ich in die kleine Welt von Will entführt. Markante Charaktere. Mit unterschiedlichsten Gefühlen. Die ständige Suche nach dem richtigen Weg. Nach Sex. Aber auch Zärtlichkeiten, die Geist und Lust befriedigen. Einer Familie, die da ist. Eine Suche nach der richtigen Person. Und wenn diese auch in einem selbst schlummert. Schön erzählt und nicht übertrieben. Immer wieder wird die Erzählung durch ruhige Passagen gebremst, bevor die nächste Welle einzelne Konstellationen neu ordnet. Das finale Erdbeben war mir dann fast schon zu heftig, denn mittlerweile hatte ich mich bereits zu sehr nach Stuttgart geträumt. Und lustigerweise werde ich Fabian beim nächsten Treffen zahlreiche Dinge fragen müssen. Denn Parallelen - wenn auch nur in Ansätzen - gibt es vielleicht. Irgendwo. Ich habe Will jedenfalls gerne begleitet. 

Altbau mit Stuck

Zurück aus Berlin. Hipsterstadt. Ich darf das sagen, denn man hasst mich dort. Schwaben sind böse. Reden komisch. Kaufen sich Wohnungen und verkaufen dann ihre Backwaren. Schrecklich. Audio88&Yassin haben auch ihre Meinung zu aktuellen Großstadtgebaren. Etwas brutal. Etwas herablassend. Aber irgendwie wahr. Und während du vielleicht gerade deine schwarze Carhartt Mütze tiefer ziehst, das Fahrrad von der Wand nimmst und die rosa Nike Airs schnürst… Ich hab da was. Einen sehr guten Artikel von Sara:

Lasst es euch von mir sagen: es ist nicht einfach, “arm aber sexy” zu sein. Inneneinrichtung: karg und schlicht, bloß nicht belastend, “Vintage” mit Seele, Fundstücke auf dem Flohmarkt für unschlagbare Preise, und alle bewundern wie schön du es hast, mit den Büchern und der Matratze auf dem Boden, dem Bauhaus-Fotoband, dem iMac auf dem Sekretär, der antiken Lampe, das ironisch gemeinte Poster, der leere Bilderrahmen der an der Wand hängt, die wuchernde Pflanze in der Ecke, die dreckigen Fenster ohne Gardinen.

Selbst schaue ich mir natürlich auch gerne Plattformen wie Freunde von Freunden an. Höre Musik vom Mann mit der Pandamaske oder habe Freunde, die ihre Hosen etwas enger tragen. Für mich kommt es aber - wie so oft - darauf an, wie Menschen mit mir umgehen. Wie sie einem begegnen. Ob sie andere bekehren möchten. Das bezieht sich auf viele Dinge. Religion. Musikgeschmack. Mode. Körperschmuck. Soll doch jeder tun, was ihm gefällt. Kaufen, was er schön findet. Klingt platt. Ist es. Doch wenn Menschen beginnen, sich auf Grund solcher Dinge für etwas besseres zu halten, dann stört mich das. Ich höre weg. Ignoriere es. Es gibt zu viele andere Dinge, die mich begeistern. Auch wenn Menschen beobachten dazu gehört, muss man sich nicht alles zu Herzen nehmen. Will ich mir nicht alles zu Herzen nehmen. Das lerne ich. Langsam. Weil andere Verhaltens- und Sichtweisen wehtun können, wenn man sie zu nahe an sich heran lässt. Das ist es nicht wert. Oder wie sagt man heute? Yolo? Oder doch Hakuna Matata? Ein bisschen Kritik an Umständen.

Ein bisschen Eigenkritik. Und einfach nur der Wille, mal etwas mit Rap hier zu veröffentlichen. Schreibe ich auf einem Laptop mit Apfellogo und klatsche es auf meinen Tumblr-Blog. Oh.

Vom sich finden und Fehler machen

Das Jahr bringt einiges an Veränderungen und so erstrahlt auch dieser Blog in einem neuen Design. Mit mehr Fokus auf den Inhalt, welcher nun einspaltig dargestellt und zudem auf Tablets sowie Smartphones entsprechend umformatiert wird (Responsive und so). Solltet ihr irgendwelche Fehler bemerken, dann gebt einfach Bescheid. Inhaltlich wird sich nicht viel ändern. Es bleibt eine Spielwiese zum Ausprobieren. Christoph Kappes hat passend dazu einen Artikel geschrieben, der Sinn und Unsinn von Blogs in der heutigen Zeit beschreibt:

Menschen artikulieren sich, weil Menschen sich beim Artikulieren finden, wenn sie ihre Meinung, ihre Gefühle, ihre Gedanken in Sprache verfassen. Und Menschen brauchen sowohl Bestätigung ihrer eigenen Sicht, weil diese Bestätigung ihr Ich stabilisiert und ihnen Kraft gibt, als auch Widerstand, weil Leben eben auch Widerstand und nicht nur das Dahinschweben auf einem Ponyhof mit Blümchen ist.  Blogkultur als Antwort auf die Komplexität der Gesellschaft und die Krise ihrer Institutionen

Und so werdet ihr hier weiterhin Dinge finden, die mich interessieren oder beschäftigen. Wie beispielsweise auch meine Meinung zu #aufschrei. Oder Gedanken zu Fehlern…

Dass es sehr wertvoll sein kann, Gedanken im Netz zu publizieren, habe ich beim Lesen der Serie Raw Nerve von Aaron Swartz gespürt. Aaron begann schon früh seine Interessen abseits der Masse zu verfolgen, hat bei der ersten Spezifikation von RSS unterstützt und u.a. den Internetdienst Reddit mitbegründet. Im Sommer 2011 wurde er angeklagt, wissenschaftliche Artikel illegal heruntergeladen zu haben. Swartz kam auf Kaution frei, dennoch drohten ihm eine bis zu 35-jährige Haft. Am 11. Januar wurde er tot aufgefunden. Seitdem wird vorwiegend in den USA über die öffentliche Bereitstellung von wissenschaftlichen Inhalten diskutiert. In seinem Blog schrieb Aaron Swartz auch über das Machen von Fehlern:

Mistakes are our friend. They can be an exasperating friend sometimes, the kind whose antics embarrass and annoy, but their heart is in the right place: they want to help. It’s a bad idea to ignore our friends.

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Dinge er öffentlich teilen möchte. Worüber er diskutieren will bzw. welche Fehler er zugeben möchte. Es kann schließlich jeder mitlesen. Das muss aber nicht unbedingt etwas schlechtes sein. Ich selbst habe bereits viele Menschen auf diese Art und Weise kennengelernt, die Eigenschaften mit mir teilen. Die Schwächen mit mir teilen. Und darauf auch Zeit mir mit teilten. Manchmal wurden daraus Freundschaften, manchmal entstanden grausame Diskussionen.

Aber das gehört wohl dazu. Meine Eltern sagen immer zu mir: Hinfallen. Aufstehen. Hinfallen. Aufstehen. Und genau Letzteres werde ich nun tun. Ich entlasse euch in den Sonntag mit etwas Musik und wünsch eine schöne neue Woche =)

#aufschrei

Ich hab sehr gemischte Gefühle gegenüber Twitter. Oft stört mich die Durchschaubarkeit mancher Tweets und ihrer Autoren. Auch die Nachrichtenkürze und Hektik macht es teilweise schwierig, dem Strom zu folgen. Gleichzeitig entstehen aber spannende Meinungsbilder zu aktuellen Themen. An der Welt interessierte Menschen teilen ihre Ansichten und geben einen Einblick in ihren Alltag. Dass dieser eben nicht nur aus Mett, technischem Spielzeug und Kneipentouren besteht, konnte man die letzten Tage verfolgen.

Nachdem Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Brüderle bekannt wurden, er habe eine Reporterin mit sexuellen Anspielungen belästigt, sammelten sich auf Twitter unter dem Hastag #aufschrei zahlreiche Beispiele anderer Betroffenen. Momente, in denen sich Frauen gedemütigt oder verletzt fühlten. Es sammelten sich innerhalb von 48 Stunden über 25.000 Tweets. Und genau dafür schätze ich den Kurznachrichtendienst. Dinge ansprechen. Gemeinsam darüber diskutieren. Darauf aufmerksam machen. Weiterdenken.

Zahlreiche Blogs und Massenmedien nahmen sich dem Thema an. Veröffentlichten Interviews. Meinungen. Beobachtungen. Und selbst wenn in ein paar Tagen das Thema auf Twitter von einer drittklassigen RTL-Sendung erneut verdrängt wird, scheinen sich viele Menschen Gedanken zu machen:

Frau Meike veröffentlichte einen tollen Beitrag, in dem sie viele Fragen stellte. Aufforderungen adressierte sowie die Unterschiede von Sexismus und sexueller Belästigung skizzierte. Auch die Tatsache, dass jeder Mensch die Verhaltensweisen anderer Menschen unterschiedlich betrachtet und auch je nach Situation differenziert bewertet, darf in der gesamten Diskussion nicht ignoriert werden:

Gerade bei einem so heiklen Thema finde ich aber Verknappung und Verallgemeinerung völlig kontraproduktiv. Ebenso kontraproduktiv finde ich es, hier kurzerhand den “sensibelsten Filter” als Verhaltensmaßstab zu benennen.

Und auch die Meinung von Journelle las ich sehr gerne. Sie beschreibt eigene Erfahrungen, doch viel spannender finde ich das Ende ihres Artikels. Sie spricht über den mangelnden Dialog der Geschlechter. Jeder hat eine Ansicht, regt sich über Dinge auf und dennoch sagt es keiner in der jeweiligen Situation. Man schluckt, verdrängt und irgendwann läuft das Fass über:

Wenn ich den Eindruck habe, mit meinem Verhalten andere in Verlegenheit zu bringen – und sei es mir noch so unverständlich – liegt es doch nur nahe, dass ich a) damit aufhöre und b) mich ggf. entschuldige und die Entschuldigung hoffentlich angenommen wird. Damit ist der Situation der Wind aus den Segeln genommen.

Deshalb mein Appell an das weibliche Geschlecht: Sagt uns unmittelbar, wenn etwas schief läuft. Wenn etwas verletzt. Diskutiert die Ursachen und Folgen unser Verhaltensweisen. Nur so kann auch das Gegenüber lernen. Begreifen. Hinterfragen und verändern.