Blog / Framente

Schweden mit den Jungs 🇸🇪

Zwei Personen stehen auf dem Oberdeck einer Fähre und blicken auf die Skyline einer Stadt mit einem markanten Fernsehturm. Der bewölkte Himmel spiegelt sich in der ruhigen Wasseroberfläche wider.

Nach zwei Jahren wieder gemeinsam unterwegs. Auf hoher See nach Schweden. Zimtschnecken, Glücksspielautomaten, Geheimwege und Diskussionen über Musik in zu kleinen Kabinen. Und manchmal reicht es aus abzuwarten. Morgens auf dem Deck zu stehen, während der Regen die Wange hinab rinnt und der Stahlkoloss in den Hafen einläuft.

Ich will wieder mehr schreiben. An dieser Stelle. Über Dinge, die mir wichtig sind. Momente, die mich prägen. Gedanken, die ich teilen möchte. :)

Hallo Herbst

Verschlafen gehe ich in Richtung U-Bahn und muss feststellen, dass der Herbst über Nacht durch die Gassen gezogen ist. Was er hinterlassen hat, fällt nun in bunten Farben auf meine Kapuze. Kleine Kinder haben mit strahlenden Augen damit begonnen Kastanien zu sammeln, während gehetzte Eltern hektisch an ihren Jacken zerren. Mich drängt niemand und dennoch laufe ich ohne Umwege in Richtung Bahnsteig. Streife kreischende Plakate mit leblos dreinblickenden Menschen. Kenne sie nicht und stelle mich irgendwo hin. Zwischen Anzügen und Leggings, Smartphones und Zeitungen suche ich nach meinen Kopfhörern. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Lieder. Und ich lasse sie in Dauerschleife wirken.

Große Bilder begleiten mich auf meiner Runde durch die Stadt. Ich schaue grinsend aus dem Fenster und denk an dich. Erblicke den Hafen und seine Gäste, die ehrfürchtig ihre Runde drehen. Die Sonne spiegelt sich in den Bürokomplexen, darin Frühaufsteher fleißig am debattieren. Mag selbst nicht reden, denn mir mangelt es an passenden Worten. Hab mich wieder gefunden. Unter einem Berg an Sorgen und Ängsten. Jetzt sitz ich  da und lass es auf mich zukommen. Kleine Überraschungen, die sich in noch kleineren Momenten verstecken. Herzklopfen. Versprechen. Hoffnungen. Aber auch Tränen und schmerzende Gefühle, die gehören. Mich ausmachen. Es ausmachen. Uns neugierig werden lassen auf den nächsten Tag. Den nächsten Satz, der zwischen uns springt. Streife meine Kapuze ab und lege meinen Kopf auf deine Schulter. Hallo Herbst.

Unsicher tänzelnd bewege ich mich durch bunt erleuchtete Straßen. Blicke in fröhliche Gesichter. Gleichbleibender Takt unter monotonen Gesprächen. Meine Hand hält deine Angst. Hält sie fest und lässt sie dir nicht näher kommen. Mit einem breiten Lächeln stimmst du mir zu. Kein Wort von Nöten. Sind wir ganz alleine? Oder schaffen wir es nur immer wieder jeden Blick auszublenden. Jeden Gedanken, der mit erhobenem Schwert auf uns zuläuft.

Dein Duft. Deine niedliche Art und Weise anderen Komplimente zu machen. Lass uns noch einmal tanzen - dann geht das Licht aus. Und alles was bleibt, sind wir und diese eine Melodie. Herzmusik.

City Blues

Und dann stehst du am Elbufer. Unter deinen Füßen der Sand. Neben dir kleine Kinder, die fangen spielen. Ihre Eltern mit kaltem Bier verwickelt in lauten Gesprächen, während sich vor dir die Queen Mary 2 aus dem Hafen zwängt. Begleitet von knapp 100 Schiffen, welche die Szene noch beeindruckender gestalten. Hinter mir grillen Freunde und Unbekannte. Ein Grinsen liegt in meinem Gesicht. Zwei Jahre Hamburg… Heute bin ich über einen wunderschönen Blogbeitrag gestolpert. Er erzählt über die Liebe zu dieser Stadt an der Elbe. Von Straßen, in denen ich mich rumtreibe. Vom Wind, der mir dabei ins Gesicht schlägt. Und vom Wasser, das hier überall zu finden ist. Einen Ruhepol bildet. Für gehetzte Menschen wie mich. Nach drei Jahren Leben und Lieben in Stuttgart trieb es mich hierher. Ein Neubeginn sollte es werden. Ist es geworden. Erinnere mich an die erste Nacht in der neuen Wohnung. Ohne Licht. Ohne Handtücher. Doch mit klopfendem Herzen.

Der Wind peitscht. Kragen hoch. Kopf runter. Tunnelblick.

Seitdem genieße ich die Vielfalt. Gemütliche Cafes und schroffe Kneipen. Ein trockener Humor. Ehrliche Menschen. Neue Gesichter. Lange Nächte. Spaziergänge an der Elbe. Möven über meinem Kopf. Und zuviel Regen. Hab Menschen in mein Herz geschlossen, dort umarmt und wieder gehen lassen müssen. Sinnlose Gespräche in U-Bahnen geführt, dort geschlafen und Geschichten in Polsterritzen versteckt. Jeder meiner Schuhe beherbergt einen kleinen Strand für den Notfall. Und reichte dieser einmal nicht aus, flüchtete ich mit Lieblingsmenschen ans Meer. Ließ Drachen steigen. Robben tanzen. Manchmal war ich kurz davor meine Höhle abzureißen und wieder in den Süden zu gehen. Manchmal vermisse ich die Berge und die Heimat. Manchmal den Kessel und das Essen. Aber dann stehst du im Morgengrauen an den Ladungsbrücken. In deiner Hand dein letztes Getränk. Müde setzt du dich ans Ufer und schaust auf die vielen kleinen Boote. Alles grau-blau. Ich werde noch eine Weile hier verweilen. Mich treiben lassen. Mit den Beginnern in den Ohren.

Das Herz am rechten Fleck, die Füße in Gummistiefeln.

Silver Linings

Ich mag Menschen mit Macken. Die irgendwie aus der Reihe fallen, weil sie ehrlich zu sich sind. Ehrlich gegenüber anderen Menschen. Und auch ehrlich gegenüber ihrer eigenen Wechselhaftigkeit. Menschen, die an große Gefühle und kleine Gesten glauben. Laut über ihre Ängste, ihre Stärken oder ihre Träume sprechen. Ich fühle mich zu ihnen hingezogen, egal wie chaotisch und stressig die Auseinandersetzungen sein können.

Ähnlich ist es bei Pat, der als Mittdreißiger wieder bei seinen Eltern einzieht. Er hat einen Aufenthalt in einer Nervenanstalt hinter sich gebracht, Hoffnungen verworfen und möchte nun sein Leben auf die Reihe bekommen. Eines Tages lernt er Tiffany kennen, die ebenfalls einige Kratzer und Macken mit sich trägt. Ihr Mann ist verstorben, weshalb sie ordentlich ins Straucheln gekommen ist. Sie schläft mit jedem aus ihrem Umfeld. Pat schläft mit niemandem. Er will seine Exfreundin zurück und Tiffany bietet ihre Hilfe an, wenn er im Gegenzug mit ihr bei einem Tanzwettbewerb teilnimmt. Und so gehen die beiden ein Stück zusammen.

Silver Linings ist - genau wie mein Lieblingsfilm Garden State - eine wunderschöne Erzählung über schmerzende Kanten. Sie zeigt Konflikte und Gefühlskämpfe, die jeder in einer ähnlichen Form bestritten hat. Ängste, die jeder mit sich führt. Und ein Wunsch nach Verständnis und Nähe, der in uns schlummert. Immer wieder aufgeweckt wird und bei Laune gehalten werden möchte. Vielleicht an manchen Stellen etwas kitschig, an anderen etwas verträumt. Trotzdem sehenswert.

Es ist verdammt eng hier.

Es ist verdammt eng hier. Schweiß an meinen Armen. Fühle mich unwohl. Die Dunkelheit hat jeden meiner Gedanken fest im Griff. Sie zappeln nervös und schlagen um sich. Ängste. Will dich nicht verlieren an diese Masse. Wie Schlamm verschlingt sie uns. Hat den Kopf geflutet und bahnt sich ihren Weg in Richtung Herz. Meine Arme sind zu schwach. Sind zu kurz, um mich irgendwo festhalten zu können. Um dich festzuhalten. Spüre deine Finger nicht mehr und versinke im Grau. Atemnot. Der Druck steigt und meine Hoffnung fällt in sich zusammen. Wie der Traum von ewiger Liebe, sobald der andere anfängt sich umzudrehen. 

Es ist verdammt eng hier. Zig Stimmen liegen übereinander. Machen es schwer, wieder zum Boden zu gelangen. Mehrere Meter hoch sind die Versprechen. Sind die lieben Worte, die du gesammelt hast. Keine Berührung verneint und keinem Blick entsagt. Zu groß war dieses Verlangen in dir gebraucht zu werden. Geliebt zu werden. Nun wirst du all diese Momente immer bei dir tragen. Sie werden sich einmischen. Zu jeder Zeit. In jeder Situation. Bei jedem persönlichen Gespräch werden sie mithören. Werden urteilen und kritisieren. Kannst nicht mehr tun, als es über dich ergehen zu lassen. Denn du wolltest sie bei dir haben. Du wolltest irgendwas bei dir haben. Ein paar Farben und eine Melodie. Noten, die Erinnerungen in die Ferne drängen. 

Es ist verdammt eng hier. Wir hängen aufeinander, denn das Wir wurde unzertrennlich. Verkeilte sich. Du wolltest einen Schritt zurücktreten und die Situation verstehen. Wie es dazu kam und warum es dort bleibt. Ich schloss die Augen und sprengte uns entzwei. Rannte durch deine Zimmer und schmiss alles um. Riss die Bilder von der Wand und dein Lächeln aus deinem Gesicht. Mundtot schautest du mir in die Augen, die voller Wut waren. Voller Enttäuschung und Selbsthass. Und alles was du tust, tust du für mich. Der Moment vor dem Aufschlag. Der Moment vor dem letzten Kuss. Alles in Zeitlupe. Man weiß genau, was passiert. Und trotzdem passiert es nicht, denn plötzlich ist da etwas. Sind da welche. Ganz viele. Finden den Weg in deine kleine Welt. Machen sich breit und ich bleibe zurück. 

Ich warte immer noch auf den Aufschlag. Ein Schlag so fest, dass er mich zur Vernunft bringen mag. Mich zurück zu mir selbst führt. Aber das passiert nicht, solange ich hier bin. Solange ich bewegungsunfähig bin. Blind nach einem Ausgang taste. Möchte nach Hilfe rufen. Doch bleibe Stumm. Der richtige Satz mag mir nicht einfallen. Zu viele andere Sätze im Weg. Leblos liegen sie in mir. Blähen mich auf. Geben keinem Satz die Chance, an Bedeutung zu gewinnen. Es ist verdammt eng hier. 

Ich warte immer noch auf den letzten Kuss. Noch einmal dieses Kribbeln im Magen. Auf der Nasenspitze. Dein Atem an meinem Hals und meine Hände in deinen Haaren. Möchte dich zu mir ziehen, doch bekomme dich nicht zu greifen. Es scheint, als würdest du davon treiben. Jede Welle macht es schwieriger. Durch jede Gefühlsänderung werden es ein paar Zentimeter mehr. Ein kalter Raum zwischen uns. Er wird unüberwindbar. Ich höre auf zu strampeln, blicke dir hinterher und schweige. Denn manchmal lässt man es vielleicht lieber sein. 

Es ist verdammt eng hier.
In deinem Herzen.